Tissy hat geschrieben:
Das mit dem Alkohol beziehe ich auf das Ideal der Abstinenz. Im Prinzip gilt bei uns jemand, der auch nur ab und zu was Illegales konsumiert, als "behandlungsbedürftig", während beim Alkohol die Latte viel höher liegt; d.h. die Komasäufer werden erst dann zur Beratung geschickt, wenn das Problem riesig ist.
Das ist das eine Problem: Dass mit zweierlei Maß gemessen wird.
Meine Frage zielte darauf ab, weshalb Alkohol nach wie vor die große Ausnahme in der sonst schlüssigen Drogenpolitik darstellt. Das erweckt schlicht den Eindruck von Willkür und ist so nicht nachvollziehbar.
Tissy hat geschrieben:
Aber geht nicht gerade der systemische Ansatz davon aus, dass eine Person mit Problemen (also z.B. Drogenproblemen) im System eine wichtige Rolle zum Weiterfunktionieren eben dieses Systemes wahrnimmt? So können z.B. Suchtprobleme eines Jugendlichen dazu dienen, die Familie zusammenzuhalten, indem sich das Suchtproblem in den Vordergrund drängt und andere Probleme (z.B. Eheprobleme) in den Hintergrund drängt.
Weiß nicht, das Beispiel halte ich, ehrlich gesagt, für etwas an den Haaren herbeigezogen (not to offend you).

Ich denke nicht, dass Probleme (wie Süchte) die Funktion erfüllen, dass andere Probleme dadurch reduziert werden. Sollte dies der Fall sein, wäre das sicherlich die Ausnahme, da zunächst keine Korrelation angenommen werden kann. Wenn in Deinem Beispiel das Drogenproblem wegfällt, besteht ja immer noch die Ursache für andere Probleme, wie z.B. das Eheproblem (welches ja nicht zwangsläufig dieselbe Ursache haben muss), das durch den Zwischenfall ja nicht aus der Welt geschaffen ist bzw. sein muss.
Worauf es mir hingegen besonders ankommt und was ich auch schon in meinem ersten Posting versucht habe anzudeuten, ist die grundsätzlich systemische Betrachtungsweise des Menschen. Auch wenn es off topic ist, halte ich es für extrem wichtig, diesen Punkt bzw. Misstand bewusst zu machen und zu diskutieren:
Tissy hat geschrieben:
Offiziell ist es aber schon so, dass man in unserer Gesellschaft normal zu funktionieren hat: Suchtmittel nur in Massen, schön brav immer zur Arbeit, Steuern zahlen, Kinder machen, etc.
Der systemische AnsatzIn unserer Drogenpolitik (und wahrscheinlich nicht nur im Bereich Drogen) wird der Konsument aus Sicht des Systems, des Staates, des Gesellschaftssystems, des Wirtschaftssystems, als ein Glied in einer Kette betrachtet bzw. behandelt. Dies ist an und für sich ok, aber es ist nur die halbe Wahrheit. Er wird lediglich nach seiner äußeren Funktion definiert, seine innere (kulturelle) Bedeutung wird scheinbar nicht anerkannt. Es ist eine zutiefst objektive Betrachtung: Der Mensch muss funktionell ins System passen, was er jedoch als Drogenkonsument nicht tut, so der allgemeine Ansatz. Man wird auf eine Rolle als Objekt in einer Welt von Objekten im System reduziert.
Das ist in meinen Augen absolut entwürdigend, uns als Menschen so zu reduzieren. Denn der Mensch ist nicht nur Objekt in einem System und er erfüllt nicht nur eine Rolle als eben dieses. Er ist in erster Linie vor allem Subjekt, mit inneren Werten, mit Gedanken, mit Gefühlen, mit Bedürfnissen, mit einem immanenten Streben nach Kultur, nach Verständnis, nach Interaktion, nach Entwicklung, nach Selbsterkenntnis, nach Bewusstseinserweiterung... Das wird in der Drogenpolitik jedoch völlig ignoriert. Das Innere des Menschen spielt keine Rolle. Nur das Äußere wird wahrgenommen und dient als Maßstab für politische Entscheidungen. Man gibt von außen vor und diktiert nach eigenem Ermessen, woran sich die Individuen zu halten haben, ohne jemals mit ihnen gesprochen zu haben, ohne sich jemals um ein Verständnis für ihre inneren Bedürfnisse bemüht zu haben, ohne auch nur im geringsten anzuerkennen, dass er eine innere Tiefe besitzt.
Neben die Definition des Menschen von außen als ein Objekt in einem sozialen System - ein Ansatz, der ja an und für sich nicht verkehrt ist -, müsste meiner Meinung nach also mindestens dringend sein innerer Wert und die Bedeutung von Substanzgebrauch im Zusammenhang mit subjektiven und kollektiven kulturellen Bedürfnissen gleichgestellt werden, um eine angemessene, gerechte und menschenwürdige Gesetzgebung zu gewährleisten. Die momentanen Umstände halte ich für total vermessen, einseitig und kulturschädigend.
DIE SUBJEKTIVE EBENE UND PERSPEKTIVE DES MENSCHEN MUSS BERÜCKSICHTIGT WERDEN!
Wie soll denn gegenseitiges Verständnis und eine gemeinsame Kultur entstehen, wenn man sich gegenseitig als Objekte von außen betrachtet und dementsprechende Schlussfolgerungen nur aus der Betrachtung von außen für die Generierung der gemeinsamen Codes für das Zusammenleben hernimmt, ohne innere Werte miteinander zu teilen?
Ich hoffe, es wurde jetzt deutlich, worauf ich hinauswollte und ich hoffe, dass ich nicht der einzige bin, der das so sieht.